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Anita: «Beim Reisen erlebe ich meine grössten Glücksgefühle»


«Ich mag das Wort Ferien nicht. Ich mache keine Ferien, ich reise. Wenn ich weggehe, dann möglichst lange. Es tut mir weh, wenn ich ein Land nach weniger als drei Wochen bereits wieder verlassen muss. Erinnere ich mich später daran, steigen diese Gefühle wieder hoch und ich werde kribbelig. Spontan kommt mir ein Erlebnis in der Andamanensee, Thailand, in den Sinn. Beim Tauchen mit einer Gruppe sah ich zum ersten Mal einen Mantarochen. Es war gegen Abend, die Sonne stand schon tief. In etwa 15 Metern Tiefe war es ziemlich düster, die Sicht war schlecht, aber ich spürte, dass sich etwas ereignen wird. Plötzlich segelte dieses gewaltige Tier wie in Zeitlupe über unsere Köpfe hinweg. Es schien, als käme es aus einer anderen Welt. Das war gewaltig. Seither faszinieren mich diese Tiere unglaublich und ich trage einen silbernen Mantarochen an meiner Halskette. Überhaupt sind Wildtier-Begegnungen für mich etwas vom Eindrücklichsten, was es gibt. Wale im Ozean, Elche im Nationalpark, Orang-Utans im Dschungel, ich habe schon so einige in der Wildnis gesehen. Das ist ein wichtiger Teil meiner Reisen.


Klar kann ich auch in der Schweiz Tiere in der freien Wildbahn sehen – und übrigens finde ich auch unsere Berge schön und freue mich auch über jede Gämse – aber das ist mir alles zu vertraut. Je weiter weg ich bin, um so fremder sind mir die Orte, die Tiere und die Menschen. Darauf bin ich neugierig. Mein Vater reiste als junger Mann von St.Gallen in die USA. In Montana arbeitete er als Cowboy. Die Neugierde für Fremdes hat er wohl an mich weitergegeben.


Bilder: Anita/zvg

Wenn ich in anderen Ländern bin, empfinde ich es als normal, fremde Menschen anzusprechen. Im Zug, im Bus, im Restaurant. Als Reisende darf ich Fragen stellen. Die Menschen sind mir gegenüber neugierig und offen. Hier in der Schweiz ist das nicht so. Und wenn ich doch mal mit einem fremden Menschen das Gespräch suche, werde ich eher schief angeschaut. Dabei ist Smalltalk doch so was Schönes. Als ich mit dem Zug von Boston nach Oregon gefahren bin, die Fahrt dauerte siebzig Stunden und ich habe zwei Stopps eingelegt, habe ich viele schöne Bekanntschaften gemacht. Vorwiegend mit einheimischen Rentnerinnen und Rentnern, die mir offen aus ihrem Leben erzählten. Wenn ich in die Ferne verreise, dann mit dem Flugzeug. Ich habe schlicht nicht die Zeit, mit dem Schiff oder dem Zug so lange unterwegs zu sein – auch wenn es mich sehr reizen würde, mal wie die Auswanderer früher mit dem Schiff nach New York zu fahren.


Dass ich fliege, löst bei einigen meiner Freunde Kritik aus. Logisch. Das lässt mich nicht kalt und ich finde es schade, dass das Thema oft so undifferenziert betrachtet wird. Dass es ökologisch schwer ins Gewicht fällt, ist mir bewusst. Aber ich habe weder Auto noch Kinder und als Rucksackreisende verpflege ich mich in der Strassenküche, wo regionale Produkte verarbeitet werden, ich übernachte in einem Guesthouse und nicht in einem teuren Hotel, wo alles von weit her gekarrt wird. Wenn ich weiterreise, dann auf dem Landweg. Für mich ist Reisen essentiell und da nehme ich Kritik in Kauf. Auch jene, dass ich ruhelos sei. Das bin ich nicht. Ich will einfach meine Lebenszeit nicht vergeuden.» (fz)

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