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Bernd: «Wenn ich Bus fahre, gibt es nur das Jetzt»


«Während einer Schicht fahre ich mehrere Stunden dieselbe Strecke. Das ist wie in einem Karussell, in das ich einsteige, meine Runden drehe und das Steuer am Ende meiner Schicht der nächsten Fahrerin oder dem nächsten Fahrer übergebe. Das Faszinierende daran ist, dass das Karussell nie aufhört, sich zu drehen.


Meine Aufgabe ist es, die Leute sicher an ihr Ziel zu bringen. Ist die Schicht beendet, steige ich aus dem Bus und habe nichts mehr zu tun. Ich nehme die Arbeit nie mit nach Hause. Das ist eine unglaubliche Entlastung. In meinem Hauptberuf als Theaterschaffender bin ich für alle Aufgaben selber zuständig: Stückentwicklung, Werbung, Buchhaltung, Kommunikation, Finanzierung, Grafik ... Das hört nie auf und in meinem Kopf kreisen tausend Dinge, die ich noch erledigen muss. Beim Busfahren kann ich abschalten. Dann bin ich einfach da. Und fahre.


Zusammen mit meiner Frau führe ich die Compagnie THEATERerschaffen ADAM&EVA. Ich arbeite als Theaterpädagoge und biete Theaterprojekte und -kurse für Schulen und Erwachsene an, darunter auch Gewaltpräventionsprojekte. Seit August 2021 fahre ich nebenberuflich Bus. Bei Bernmobil bin ich aber schon länger tätig: Ich arbeite als Schauspieler in der Kontrolldienstausbildung mit. Die Auszubildenden können an mir üben, wie sie mit renitenten Fahrgästen am besten umgehen.


Vor acht Jahren habe wir zusammen mit unseren Nachbarn ein altes Postauto mit Jahrgang 1957 gekauft, einen Saurer mit langer ‹Schnurre› und runder Lampe. Ich nenne sie Lady Saurer. Sie ist eine Diva, die viel raucht und trinkt. Zu dritt gingen wir mit dem Theaterstück ‹P.O.T.R.› auf Osteuropatournee über Deutschland, Österreich bis nach Rumänien. Das Postauto diente als Bühnenbild: Es ging um ein älteres Ehepaar, das mit dem Bus gestrandet ist. Gleichzeitig war die Lady Saurer unser fahrendes Hotel. Wir waren monatelang viele Stunden unterwegs. Da ich der Einzige mit Lastwagenführerschein war, sass ich immer am Steuer. Und da merkte ich, dass mir das Busfahren unglaublich viel Spass macht. Ein Ausbildner bei Bernmobil brachte mich schliesslich auf die Idee, mich als Busfahrer zu bewerben. Dafür musste ich zusätzlich noch die Carausbildung absolvieren.


Ich bin nicht festangestellt, sondern Teil des sogenannten Pools. Darin sind viele ehemalige Festangestellte, darunter Pensionierte und Freischaffende wie ich, die in Spitzenzeiten oder bei krankheitsbedingten Ausfällen einspringen. So lässt sich das Busfahren gut mit meinem Hauptjob als Schauspieler vereinbaren. Wenn ich meine Theaterprojekte habe, fahre ich manchmal zwei Monate lang nicht. In ruhigeren Phasen gebe ich entsprechend mehr verfügbare Tage an und komme häufiger zum Einsatz.


Ich fahre auf dem Berner Innenstadtnetz, das sind alle Buslinien, die über den Hauptbahnhof führen. Eine Lieblingslinie habe ich nicht, alle sind auf ihre Weise reizvoll. Der 10er zwischen Köniz und Ostermundigen ist abwechslungsreich. Eine ganze Runde dauert anderthalb Stunden und es ist immer viel los. Ich mag auch die Linie nach Bremgarten. Das Lenken der Busse auf dieser Strecke ist eine Herausforderung: Die Fahrzeuge sind wild, alt und haben einen eigenen Kopf. Die Strecke über die äussere Enge ist recht holprig und ich fühle mich jeweils wie bei einem Rodeo. Die interessante Herausforderung ist es dann, mich der Strasse und dem Fahrzeug anzupassen. Auch die Line 19 nach Blinzern/Elfenau mag ich sehr, da hat man eine wunderschöne Aussicht. Die Elfenau frühmorgens im Nebel, das ist wunderschön. Da verwandelt sich die Stadt in Land.


Mein Fahrstil ist ruhig. Es ist mir wichtig, dass sich die Passagiere wohlfühlen. Ich mag dieses zackige Fahren nicht. Unterwegs konzentriere ich mich nach vorne, an den Haltestellen nach hinten zu den Passagieren. Ich gebe erst Gas, wenn alle alten Leute einen Sitzplatz gefunden haben. In Blinzern bedankte sich ein älteres Ehepaar einmal bei mir für mein ‹herzschonendes Fahren›.


Ich habe mitten in der Coronazeit mit Busfahren angefangen, als für die Fahrgäste die vorderste Reihe noch gesperrt war. Da fühlte ich mich manchmal etwas einsam. Seit die Vordertüre zum Ein- und Aussteigen wieder offen ist, geniesse ich den Kontakt – das «Grüessech» von den Leuten, manchmal ist es auch nur ein Lächeln oder ein Nicken.

Es gibt auch solche, die sich vorne hinsetzen und mit mir reden wollen. Vielleicht ist diese Person gerade ein bisschen einsam und es hilft ihr mit jemanden zu sprechen. Als Fahrdienstangestellter empfinde ich mich als eine öffentliche Person, die dafür gerne ein Ohr übrighat. Meine Arbeit kann ich ja trotzdem verrichten.


Einmal hat mir ein Passagier während der Fahrt ein liegengebliebenes Handy gegeben, das ich provisorisch in meine Jackentasche steckte. Während der Fahrt bis zur Endstation vibrierte das Handy unentwegt. Auf dem Display stand ‹My love ruft an›. Da musste ich einfach rangehen, wenn schon die Liebe anruft. ‹My love› war überglücklich, ihr Handy im Bus zu wissen und bei der nächsten Runde am Bahnhof in Empfang zu nehmen.


Eines Abends stieg eine grössere Gruppe in den Bus ein. Alle waren festlich gekleidet und hatten Blumen dabei. Viele Gesichter kannte ich aus der Kleinkunstszene, darunter Menschen, mit denen ich schon zusammengearbeitet hatte. Sie merkten nicht, dass ich ihr Fahrer war. Ich freute mich über diese Überraschung und bereitete mich gedanklich auf eine tolle Durchsage vor, im Sinne von: ‹Für alle, die es noch nicht wissen, Ihr Fahrer ist heute Bernd Somalvico› – oder sowas Ähnliches. Doch plötzlich hatte mein Bus ein technisches Problem, das mich die nächsten beiden Stationen in Beschlag nahm. Als es gelöst war, machte ich mich bereit für die Durchsage. Doch leider war die Gruppe an der letzten Station bereits ausgestiegen.


Ich mache gern spontane Durchsagen. Wenn ich am Freitagabend in den Bahnhof einfahre, wünsche ich allen ein schönes Wochenende oder am Sonntag einen schönen Tag. Einzelne rufen ‹merci gliichfaus!› oder steigen vorne aus und wünschen mir dann ebenfalls einen schönen Abend. Einmal kam eine ältere Frau nach vorne, drückte mir ein Schoggiherz in die Hand und sagte: ‹Merci viumau.› Ich überlege mir immer wieder neue Durchsagen, es soll nicht zu stereotyp sein. Den perfekten Spruch suche ich noch. Ich frage mich: Was ist mein Anliegen? Was will ich den Leuten mit auf den Weg geben? Ich will ja niemanden zutexten und wirklich nur sporadische und kurze Ansagen machen.


Ich mag es, frühmorgens und spätabends Bus zu fahren. Um 5 Uhr fährst du vielleicht mit einem oder zwei Gästen. Dann plötzlich kommt die Rushhour, es ‹häscheret› und der Bus ist voller Leute. Wenn der Tag dann anbricht und die Strassenlampen alle auf einmal erlöschen, bin ich schon zwei Stunden gefahren und denke: Hey, ist das schön. Um 18 Uhr wiederum herrscht Vollbetrieb und der Fahrplan ist eng getaktet. Ab 20 Uhr beginnt sich alles zu entspannen und ich ‹slide› in die Nacht hinein.


Busfahren ist ja eigentlich ein einsamer Job. Obwohl ich immer um Menschen herum bin, kann es vorkommen, dass ich stundenlang mit niemandem ein Wort wechsle. Ich bin im Bus der einzige meiner Art. Dieses Alleinsein macht etwas mit einem. Vielleicht winken sich Busfahrer deshalb immer zu, wenn sie sich auf der Strecke kreuzen. Auch wenn der andere Bus weit entfernt ist. Man winkt. Am Anfang habe ich mich über dieses ständige Winken gewundert, aber mittlerweile merke ich, dass es eine wichtige soziale Funktion hat: Es stärkt den Gemeinschaftsgeist und ist eine Art nonverbale Kommunikation. Es gibt zum Beispiel eine bestimmte Winkbewegung, mit der man signalisiert, dass man sich auf der letzten Runde befindet und bald Feierabend hat. Vielleicht gibt es auch noch mehr solcher Zeichen. Ich muss die alten Hasen bei Bernmobil mal danach fragen.» (mk)


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