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Lucas: «Ich möchte mithelfen, die Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen»


«Wenn ich durchs Gras gehe, den Blick auf den Boden, in der einen Hand den Unkrautstecher und in der anderen den Abfallsack, werde ich ab und zu angesprochen und gefragt, was ich mache. Es sind meist ältere Leute, die fragen und sie sind nett, denn ich trage ja eine gelbe Weste mit der Aufschrift: ‹Freiwillig im Einsatz›. So kann man mich einordnen. Erzähle ich dann, dass ich invasive Neophyten ausreisse, also gebietsfremde Pflanzen, die eingeschleppt worden sind, sich hier verbreiten und die heimischen Pflanzen verdrängen, dann freuen sie sich darüber, sind interessiert und wir unterhalten uns. Viele ältere Leute kennen sich mit dem, was bei uns wächst, sehr gut aus. Viel besser als ich. So kann ich meistens noch etwas lernen.


Ich kenne und erkenne nicht alle invasiven Neophyten, die in der Stadt Bern wachsen. Darum habe ich, wenn ich losziehe, ein Buch mit Fotos dabei, in dem ich nachschauen kann. Die Bekannten, wie die Nordamerikanische Goldrute oder der Riesen-Bärenklau, erkenne ich natürlich auf Anhieb. Im Gebiet rund ums Dählhölzli, in dem ich invasive Neophyten ausreisse, sind der Japanische Staudenknöterich und das Einjährige Berufskraut stark verbreitet.

Für mich ist diese Beschäftigung entspannend. Mein Arbeitsalltag ist hektisch. Ich bin gelernter Koch und leite das SBB Personalrestaurant Wylerpark. In der Küche habe ich ständig Lärm um die Ohren. Da schätze ich die Stille und Langsamkeit draussen in der Natur.


Als ich mit meiner Freundin zu Beginn der Pandemie auf einer Lateinamerikareise war, habe ich erlebt, wie wichtig Freiwilligenarbeit ist und wie sie in südlichen Ländern gelebt wird. In Mexiko beeindruckte mich, wie hilfsbereit die Menschen miteinander umgehen, wie selbstlos sie das tun und wie unbürokratisch das abläuft. Ich und meine Freundin trafen auf Leute, die die Idee hatten, während der Pandemie für andere zu kochen. Also taten sie sich zusammen und verteilten selbst gekochtes Essen an einem Stand an der Strasse. Wer in diesem Land eine Idee hat, der setzt sie um und fertig.


Zurück in Bern, machte ich mich auf die Suche nach einer Möglichkeit, mich ebenfalls freiwillig zu engagieren und bin auf ‹Nachbarn helfen Nachbarn› gestossen. So unterstützte ich eine Zeit lang eine ältere Frau bei der Gartenarbeit.


Ohne freiwillige Helferinnen und Helfer würde auch in der Schweiz vieles gar nicht funktionieren. Ich weiss das auch von meinem Vater, der sich in der Gassenküche in St. Gallen engagiert.


Ich halte mich sehr gerne in der Natur auf. Meine Freundin und ich gehen oft wandern. Naturschutz ist mir wichtig und das Thema Biodiversität finde ich spannend. Dass ich mich gerade bei Stadtgrün Bern engagiere, geschah zufällig. Ich las irgendwo, dass Freiwillige gesucht werden, die Infoplakate zum Thema Biodiversität aufhängen, um so die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren. Da habe ich mich gemeldet. Das war während der Pandemie. Ich hatte keine Arbeit als Koch und Zeit. Wenig später fragte mich die Leiterin der Koordinationsstelle ‹Neophytenbekämpfung und Freiwillige› bei Stadtgrün Bern›, Rosmarie Kiener, ob ich aktiv beim Ausreissen von invasiven Pflanzen mitmachen möchte. Da ich durch das Plakatieren wusste, wie wichtig die Bekämpfung von invasiven Neophyten ist, habe ich, ohne lange zu überlegen, zugesagt.


Es braucht zum Ausreissen der invasiven Neophyten keine Ausbildung. Ein Merkblatt und ein Pflanzenbuch zur Info genügen. Und es ist nicht schlimm, wenn man mal etwas Falsches ausreisst oder etwas übersieht. Wichtig ist jedoch die Entsorgung. Diese erfolgt über den Hauskehricht, damit die Pflanzen nicht via Kompost wieder zurück in den Boden gelangen. Denn das ist das Übel, dass diese Pflanzen in Gärten wachsen, kompostiert werden und sich dann so verbreiten können. ⁣


Wie viel Zeit ich in diese freiwillige Arbeit investieren will, kann ich selber entscheiden. Das mir zugeteilte Gebiet in der Nähe des Dählhölzli, misst über 1000m2. Meist ziehe ich an zwei Tagen pro Monat für je zwei Stunden los. Es kommt auch auf das Wetter an, bei Regen gehe ich nicht. Seit ich damit angefangen habe, sind drei Jahre vergangen, mittlerweile kann ich sehen, wie in meinem Gebiet die invasiven Neophyten weniger geworden sind. Das finde ich cool und es zeigt mir, dass ich etwas bewirkt habe.

Als ich meinen Kollegen zum ersten Mal erzählt habe, dass ich bei der Neophytenbekämpfung mitmache, haben sie mich fragend angeschaut. Sie wussten nicht, wovon ich sprach und als ich es ihnen erklärte, schüttelten sie den Kopf. Mittlerweile schicken sie mir via Smartphone Fotos von Pflanzen, die sie in ihren Gärten sehen und fragen mich, ob es invasive Neophyten sind. So kann man sich ändern. Ich überrede aber niemanden, mitzumachen. Denn ich sehe mich nicht als Weltveränderer. Ich schaue einfach, welchen Beitrag ich persönlich leisten kann, um wiedergutzumachen, was wir Menschen kaputt gemacht haben. Ich möchte mithelfen, die Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen. ⁣

Das Einzige, was ich manchmal mache, ist, dass ich Leute in meinem Bekanntenkreis auf invasive Neophyten hinweise, die in ihrem Garten wachsen. Ich empfehle ihnen, diese auszugraben und fachgerecht zu entsorgen. Die meisten wissen gar nicht, was heimisch ist und was nicht. Manche befolgen dann meinen Rat und andere halt nicht. Da nehme ich das Gespräch später nochmals auf, aber ich will niemanden nerven.


Mich hat diese Beschäftigung fürs Thema sensibilisiert und daher schaue ich, was in anderen Gärten spriesst. Überhaupt kann ich draussen nicht mehr unterwegs sein, ohne dass mir auffällt, was es alles für Pflanzen gibt. Kürzlich bin ich von Bern nach Wil, St.Gallen gewandert, nach Hause zu meinen Eltern. Unterwegs habe ich unglaublich viele invasive Neophyten gesehen. Wir haben also noch viel zu tun.

Mein Interesse gilt auch Wildtieren, eigentlich noch mehr als Pflanzen und mir ist es ein Anliegen, dass es ihnen gut geht. Darum engagiere ich mich auch noch bei Karch, der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz. Hier helfe ich seit zwei Jahren mit, dass Frösche, Kröten und Molche, wenn sie im Frühling fürs Laichen wandern, sicher über die Strasse kommen. ⁣⁣

Die Könizstrasse ist so ein Hotspot. Die Tiere wandern vom Wald zum Sulgenbach. Wir freiwilligen Helfer schirmen im Februar die Strasse mit einem Zaun ab. Die Tiere können sich so nur entlang des Zauns fortbewegen und werden nicht überfahren. Entlang des Zauns sind Kübel in die Erde eingegraben. Frösche, Molche und Kröten fallen hinein und wir Freiwilligen sammeln sie zwei Mal pro Tag ein. Erst zählen wir sie und bringen sie dann zum Sulgenbach. Wichtig dabei ist, dass man Handschuhe trägt, da die Haut der Frösche sehr durchlässig ist und Bakterien von uns Menschen ungehindert eindringen können. ⁣

Ich übernehme jeweils Einsätze nach Feierabend so ab 17 Uhr. Pro Einsatz habe ich bisher nie mehr als gesamthaft zwölf Tiere eingesammelt. Es gibt aber Tage, da werden mehrere hundert gezählt. Das möchte ich auch einmal erleben, wobei das dann entsprechend viel zu tun gibt. ⁣

Interessant finde ich zu sehen, wann im Frühling die ersten Tiere auftauchen also, wann sie sich auf ihre Wanderung begeben. Die Temperatur spielt dabei eine wichtige Rolle, es darf nicht zu kalt sein. Im Voraus weiss man nie, wie viele Frösche, Kröten und Molche in einem Jahr kommen werden, es bleibt nur, gespannt darauf zu warten. ⁣

Dieses freiwillige Engagement dauert jeweils bis Ende April und ist sehr beliebt. Es machen gar Eltern mit ihren Kindern und ganze Schulklassen mit. Entsprechend muss man sich früh anmelden, um mitmachen zu können. Bei mir hat es jetzt zwei Mal geklappt und ich hoffe, dass ich auch künftig noch mithelfen kann.» (fz⁣)

@lucas.wuethrich (32) ist gelernter Koch und diplomierter Hôtelier/Restaurateur. Der gebürtige Wiler (SG) lebt seit acht Jahren in Bern. ⁣ Interessiert bei der Bekämpfung invasiver Neophyten mitzumachen? Kontakt: neophyten@bern.ch / www.bern.ch/neophyten ⁣

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