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Marc: «Fussball ist extrem einfach und gleichzeitig unberechenbar»⁣


«Mein allererstes Fussballspiel besuchte ich mit meinem Vater. Ich war sechs Jahre alt, wir sassen in der obersten Reihe im altehrwürdigen Espenmoos. St. Gallen spielte gegen YB. Im Tor Bruno Huwyler, im Sturm Hampi Zwicker. St. Gallen gewann 3:1 – zumindest in meiner Erinnerung. Heute kann ich dieses Resultat in den Archiven nirgends mehr finden. Aber sie haben gewonnen, das ist sicher. Neben uns sass ein Mann, dessen Zigarre ihm bei jedem Tor aus dem Mund fiel.



Solange ich denken kann, wollte ich Fussballspielen. Doch lange durfte ich nicht. Meine Eltern schickten mich stattdessen in den Turnverein. Das sei seriöser als Fussball, fand mein Vater. Als ich in der 3. Klasse war, ging ich heimlich in ein Training, ein Freund nahm mich mit. Meine Eltern stellte ich später einfach vor vollendete Tatsachen. Noch immer ist Fussball, neben Familie, Beruf und Politik, extrem wichtig in meinem Leben, auch wenn ich selbst nicht mehr spiele und vieles am Profifussball kritisiere. Ich wohne zwar schon lange in Bern, dem FC St. Gallen bin ich aber treu geblieben. Ich kommentiere die Spiele für den Clubsender FCSG.FM und betreibe zusammen mit einem Freund den Espenblog. Meine Tochter ist aber YB-Fan. Den allerersten Match, den wir gemeinsam besucht haben, war YB gegen St. Gallen. Sie war fünf, YB hat gewonnen. 4:2, sagt sie.


Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte einmal, Fussball sei der Tod der Oper und des Theaters. Denn beim Fussball erlebst du alle Emotionen komprimiert auf neunzig Minuten: Sieg, Niederlage, Intrigen, Freude, Trauer, Euphorie – eine Wagner-Oper braucht fünf Stunden, um diese Gefühle zu entwickeln. Ausserdem ist Fussball extrem einfach und gleichzeitig unberechenbar, das mag ich. Vieles hängt von Zufälligkeiten ab, mehr als etwa im Handball oder im Basketball. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch mal der Underdog gewinnt.


Fussball ist eine Inszenierung: Beim Schiedsrichter motzen, schmerzverzerrt am Boden liegen, ein Tor feiern. All das ist Zirkus. Aber es gehört dazu. Und nicht nur im Sport. Inszenierungen und Rituale sind wichtige Elemente in unserer Gesellschaft. So lebt auch die Politik von der Inszenierung: Der Wahlkampf, die Dramaturgie des Abstimmungs- prozederes, das Hickhack zwischen politischen Gegnern. Doch während mich eine Niederlage im Fussball nicht über längere Zeit beschäftigt, kann ich mich in der Politik über das Resultat einer Wahl sehr lange ärgern.»⁣ (mk)


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