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Patric: «Es gibt für jeden Menschen den passenden Comic»


«Ich habe den für mich schönsten Beruf der Welt: Ich leite in der Buchhandlung Stauffacher in Bern die Comicabteilung. Im Sommer 2023 sind es 15 Jahre, seit ich diesen Job angenommen und meine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe. Eigentlich bin ich gelernter Koch. Den Beruf habe ich aber schon länger nicht mehr ausgeübt. Vor meinem Wechsel in den Buchhandel habe ich während drei Jahren in einem Blumenladen gearbeitet.

Ich liebe Geschichten, das war schon immer so. Ich lese auch gerne Bücher oder schaue mir Filme an, aber der Comic ist mein Lieblingsmedium. Als ich ein Kind war, kannte ich nur Lucky Luke und Asterix, eben das, was man in einem typischen Schweizer Haushalt so findet. Mit etwa zwölf Jahren begann ich mir regelmässig am Kiosk Comics wie Superman zu kaufen. Als der Manga-Trend – also japanische Comics – nach Europa und in die Schweiz herüberschwappte, kamen noch mehr Exemplare dazu, die ich kaufte und verschlang. Ich habe dann angefangen, die franko-belgischen bandes dessinées zu entdecken und steckte mein ganzes Geld in dieses Hobby und meine Sammlung wurde immer grösser.


Ich bin ein visueller Mensch. Ich kann mir Dinge besser merken, wenn ich ein Bild vor Augen habe. An Comics fasziniert mich die Kombination aus Bild und Text. Es gibt Comics, da überzeugt nur die Geschichte und es gibt solche, bei denen das Visuelle stark ist, aber der Text nicht mithalten kann. Beidem kann ich etwas abgewinnen. Aber nur dann, wenn Bild und Text hervorragend sind und sich gegenseitig ergänzen, wird die Geschichte durch die Zeichnungen richtig lebendig. Dann gibt es für mich nichts Schöneres.


Ich mag den Kundenkontakt. Es ist schön, sich mit Menschen auszutauschen, die meine Leidenschaft teilen. Manche kommen seit Jahren regelmässig vorbei, einige jede Woche. Im Laufe der Jahre habe ich mir grosses Fachwissen angeeignet und es gibt wohl kaum einen Comic auf dem deutschen Markt, den ich nicht kenne. Oft kommen Leute zu mir, die etwas Bestimmtes suchen, aber nur wenige Anhaltspunkte haben und den Titel nicht kennen. Ihnen dann helfen zu können und genau das Richtige zu finden, ist sehr bereichernd. Ich sage immer ehrlich, was ich von einem Comic halte. Wenn jemand nach einem Werk fragt und ich weiss, dass es in dieser Art noch Besseres gibt, dann gebe ich meine Empfehlung ab. Das wird von den meisten Kundinnen und Kunden geschätzt, auch wenn sie nicht immer auf mich hören.


Früher setzte sich die Kundschaft in der Comicabteilung vor allem aus Männern zusammen, weil auch die Comics meistens auf männliche Leser ausgerichtet waren, mit meist männlichen Helden und viel Action. Auch die Autoren waren fast ausnahmslos Männer. Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Mittlerweile gibt es auch einige bekannte Comicautorinnen und Zeichnerinnen, zum Beispiel Alector Fencer oder Uli Lust. Das Lesepublikum ist heterogener geworden, was viel mit dem Manga-Trend zu tun hat. Seit Mangas vor 20 Jahren bei uns in Mode gekommen sind, hat sich die Comic-Kundschaft erheblich verjüngt. Die Autorencomis oder sogenannten Graphic Novels finden zunehmend weibliche Leserinnen, während die frankobelgischen Klassiker nach wie vor eher von Männern gekauft werden.


Ich bin überzeugt: Es gibt für jeden Menschen den passenden Comic. Wer sagt, das interessiere ihn nicht, hat einfach noch nicht das Richtige gefunden. Die Comicwelt ist so vielfältig und bunt, von Krimis über Biografien bis hin zu Liebesgeschichten, da gibt es wirklich alles. Es passiert mir oft, dass ich mit jemandem spreche und mir plötzlich einen Comic in den Sinn kommt, der zu dieser Person passen könnte.


Meine private Comicsammlung umfasst zurzeit 7687 Exemplare, das sind mehr verschiedene Comics, als wir im Stauffacher haben. Die Zahl weiss ich so genau, weil ich irgendwann angefangen habe, ein digitales Verzeichnis anzulegen. Sonst hätte ich schon lange den Überblick verloren. Digital lese ich Comics aber selten, ich brauche das Haptische. Für Bücher hingegen benutze ich oft den E-Reader. In meiner Wohnung sieht es aus wie in einer übervollen Bibliothek. Ich liebe es, in meiner Sammlung zu stöbern und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht ein Comic in die Hand nehme. Wenn mir eine Geschichte gefällt, lese ich sie, wenn möglich, mehrmals. Pro Woche kaufe ich mehrere Comics – es kommt sehr selten vor, dass ich nach einem Arbeitstag mit leeren Händen nach Hause gehe. Und ich gehe nie aus dem Haus ohne vorher ein paar Comics in die Tasche zu packen. Pro Monat gebe ich zwischen 200 und 500 Franken für mein Hobby aus.


Ich mag die franko-belgischen Comics sehr, zum Beispiel die Fantasy-Serie ‹Donjon› oder die Science-Fiction-Reihe ‹Sillage›. Ich bin aber nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt. Auch unter den Mangas gibt es welche, die mir sehr gefallen: gerade aktuell zum Beispiel ‹Frieren›, eine Serie mit weiblicher Heldin.


Es nervt mich, wenn Leute sagen, Comic sei keine richtige Literatur. Viele denken, Comics seien nur für Kinder. In unserer Abteilung richten sich aber nur etwa 10 Prozent der Comics an Kinder, der Rest ist für Jugendliche und Erwachsene. Der relativ neue Begriff der Graphic Novel hat die Vorurteile gegenüber Comics noch zementiert: Eine Graphic Novel kommt meist in Buchformat daher und enthält eine in sich abgeschlossene Geschichte. Das Thema ist meist eher ernst. Eine Graphic Novel gilt als hochstehender als ein normaler Comic und wird daher auch mal im Feuilleton besprochen. Dabei gibt es unter den Werken, die nicht als Graphic Novel betitelt werden, durchaus auch Autorencomics mit Anspruch, ausgeklügeltem Storytelling und künstlerischem Wert.


Noch vor zehn, fünfzehn Jahren war Comiclesen ein eher einsames Hobby, eine Leidenschaft für Einzelgänger. Der typische Comicfan galt als schüchtern, nicht sehr sozialkompetent, eher am Rand der Gesellschaft. Ein verlorenes Geschöpf, das sonst nirgendwo Halt findet. Ich habe einige Kunden, denen man anmerkt, dass sie sich in der Comicwelt wohler fühlen als im echten Leben. Aber generell ist die Szene gerade dabei, sich zu öffnen. Es ist einfacher geworden, das Hobby mit anderen zu teilen, durch Social Media, aber auch durch Cosplay-Anlässe und Conventions, die immer beliebter werden. Gerade im Mangabereich gibt es mittlerweile eine grosse Community. Mit Mitgliedern, die sich finden, weil sie dasselbe Interesse teilen und nicht, weil sie niemand anderes haben.» (mk)

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